Kosmologie und Gottesfrage

“Stephen Hawking, der Big Bang und Gott”

Vortrag von Prof. Henry F. Schaefer, 11.06.2008 in Wien, zusammengefasst von Jo Hoffmann

Als „letzte Verzweiflungstat“ zur Vermeidung der Frage nach einem Schöpfer bezeichnete Henry F. Schaefer, Professor an der University of California in Berkley, die in den letzten Jahren immer häufiger vertretene Hypothese von „Multiversen“. Für eine solche übergeordnete Welt, bestehend aus einer unendlichen Zahl von unabhängigen Universen, würde sich die Frage nach einem Anfang nicht mehr stellen. Die unübersehbare Ordnung unseres Universums kann man mit dieser Hypothese mit einem reinen Zufall begründen. Das einzige Problem dabei: es finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass diese Hypothese zutreffen könnte. Nahezu vollständig gesichert ist dagegen die Erkenntnis, dass unser eigenes Universum vor 13,7 Milliarden Jahren aus dem Nichts entstand. Wie konnte aus dem „Big Bang“ in Bruchteilen eines Augenblicks ein Universum hervorgehen, das alle Eigenschaften enthält, die für den Bestand von Ordnung und Leben die Voraussetzung bilden?

Auf Einladung des RENOVATIO Instituts für christliche Weltanschauung hielt Professor Henry F. Schaefer am 11. Juni einen Vortrag in Wien zum Thema „Stephen Hawking, der Big Bang und Gott“. Schaefer ist einer der höchst dekorierten theoretischen Wissenschaftler unserer Zeit. Er veröffentlichte bisher 1150 wissenschaftliche Publikationen aus den Bereichen Chemie und Astrophysik. Sein besonderes Interesse gehört aber der Frage nach der Entstehung von Ordnung im Kosmos und den damit zusammenhängenden religiösen und philosophischen Aspekten.

Seit der Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung im Jahr 1965 durch die Wissenschaftler Wilson und Penzias (die Entdeckung brachte ihnen den Nobelpreis ein) ist die Beweislage für die Entstehung des Universums in einem einzigartigen Schöpfungsakt, dem „Big Bang“, nahezu erdrückend geworden. Noch heute erreicht uns diese Hintergrundstrahlung der heißen Materie des frühen Universums und ist mit sehr hoher Präzision messbar. Angefangen hatte das Universum nach dieser Theorie in einem unvorstellbar hoch verdichteten Punkt, an dem Raum, Zeit und Materie ihren Anfang nahmen. Seitdem dehnt sich das Universum mit zunehmender Beschleunigung aus. Es kühlte sich über lange Zeiträume hinweg ab, bis die Bedingungen für die Entstehung von Galaxien, Sternen und Planeten gegeben waren.

In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bevorzugten die meisten materialistischen Wissenschaftler allerdings die Idee eines zeitlich und räumlich unbegrenzten Universums. Diese Auffassung stand in krassem Gegensatz zu den Aussagen der Bibel über einen Schöpfungsakt und den zeitlichen Beginn der Welt. So sah der Physiker Fred Hoyle in dem damaligen Aufkommen der „Big Bang“ Theorie eine „christliche Konspiration“ gegen die von ihm vertretene „Steady State“ Theorie eines ewig unveränderlichen Universum, in welchem sich konsequenterweise die Frage nach einem Schöpfer nicht stellt. Inzwischen liegen aber präzise Messungen der Reststrahlung des „Big Bang“ Ereignisses vor. George Smoot, Leiter des Wissenschaftlerteams, das die Daten des COBE Satelliten auswertete, das die ersten Strukturen in der Strahlung des jungen Universums nachwies, kommentierte diese Ergebnisse mit den Worten: „Es ist als ob man das Angesicht Gottes sehen würde. Die Annahme, dass Gott das Universum geschaffen hat, ist durch diese Daten respektabler geworden, als sie in den letzten 100 Jahren war.“

Bestätigt wurden die Messwerte schließlich durch den 2001 gestarteten Satelliten WMAP, der eine präzise Karte des frühen Universums liefern konnte (Abbildung: Temperaturkarte des Universums). Das Alter des Weltalls konnte kürzlich mit hoher Genauigkeit auf 13,7 Milliarden Jahre bestimmt werden.  Die „Steady State“ Theorie eines unveränderlichen oder eines ewig oszillierenden Universums war damit endgültig widerlegt. Und mit ihr auch die hinduistische Weltanschauung eines unveränderlichen Universums.

Ist damit die Frage nach Gott und der Schöpfung unter Wissenschaftlern wieder diskutabel geworden? Professor Schaefer  glaubt das mit Bestimmtheit. „Vor 40 Jahren hätte man in keiner wissenschaftlichen Publikation einen Bezug zu diesen Fragen finden können, heute ist die Möglichkeit, dass es das Schöpfungsereignis eine Ursache außerhalb unserer 4 Dimensionen gehabt hat, Gegenstand vieler Veröffentlichungen geworden.“ Nicht erklärbar ist , wieso die Naturgesetze und die grundlegenden Naturkonstanten (etwa die Masse des Elektrons) genau jene Werte besitzen, die eine Ordnung in der Welt überhaupt möglich machen. Die geringste Veränderung eines dieser Zahlenwerte, so Schaefer, würde die Existenzvoraussetzungen für unsere Welt zerstören.

Einen göttlichen Eingriff als naheliegende Erklärung in Betracht zu ziehen, fällt aber vielen Wissenschaftlern trotzdem schwer. Andere, wie der bekannte britische Physiker Stephen Hawking, lassen die Frage allerdings offen. Hawkings kommentierte die Aussagen in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wie folgt: „Ich denke, ich habe die Antwort auf die Frage nach einem höheren Schöpferwesen in meinem Buch vollkommen offen gelassen.“ Das tatsächliche Schöpfungsereignis selbst liegt nach Hawkings Ansicht außerhalb der gegenwärtig verfügbaren Daten. Die Frage muss aus wissenschaftlicher Sicht offen bleiben.

 

Hawking hatte ursprünglich versucht nachzuweisen, dass aufgrund der unscharfen Raum-Zeit-Struktur des Universums in der Entstehungsphase, tatsächlich kein Schöpfungszeitpunkt definierbar sei. Er schrieb: „Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende; es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?"

Später musste er diese Theorie jedoch wieder zurückziehen. Henry F. Schaefer: „Hawking hatte mit imaginärer Zeit gerechnet, ein an sich zulässiger mathematischer Trick in der theoretischen Physik. Nur konnte er die Ergebnis nicht in die reale Zeit zurücktransformieren. Damit war die Keine-Grenzen-Hypothese wieder vom Tisch.“ In seinem neuen Buch "Die kürzeste Geschichte der Zeit" korrigierte Hawking diese Annahme wieder.

Während Hawking unentschieden bleibt, haben sich andere Wissenschaftler längst auf die Seite derer begeben, die im „Big Bang“ einen göttlichen Schöpfungsakt sehen. Arno Penzias, Entdecker der kosmischen Hintergrundstrahlung, sagte etwa in einem Interview: „Hätte ich nur die fünf Bücher Mose und die Psalmen als Ausgangspunkt gehabt, so hätte ich genau jene Daten vorhergesagt, die wir nun gefunden haben.“ Und auch der Nobelpreisträger Charles Townes,  Entdecker des Lasers, weist auf die Fragen hin, die die Wissenschaft aus sich selbst heraus nie wird beantworten können. „Es besteht die Notwendigkeit nach einigen religiösen oder metaphysischen Antworten auf diese Fragen“, sagt Townes.

Henry F. Schaefer zog am Ende seines Vortrags folgendes Resümme: „Das Universum scheint im Wesen eine einfache Grundstruktur zu besitzen. Diese mathematisch zu beschreiben, ist das Ziel vieler Forschungarbeiten. Vielleicht spiegelt sich in der Schönheit und Schlichtheit der mathematischen Prinzipien die Schlichtheit der Botschaft des Evangeliums wider, nämlich die einfache Botschaft, dass Gott seinen Sohn in diese Welt geschickt hat, um die Kluft zwischen ihm und uns zu überbrücken. Diese Botschaft ist einfach genug, dass sogar Kinder sie verstehen können.“ 

Bild: Diskussion nach dem Vortrag von Professor Schaefer.   Fotos: Jo Hoffmann

 

Weitere Informationen zur Person und zum Thema:
Henry F. Schaefer - Wikipedia

Henry F. Schaefer - Publications

Henry F. Schaefer: Stephen Hawking, the Big Bang, and God

WMAP und COBE Satelliten - Temperaturkarte des frühen Universums

Stephen Hawking - Wikipedia
 



Henry "Fritz" Schaefers erste Publikation (1973) über interstellare Moleküle. Über 1000 weitere Arbeiten sollten in folgen.

 

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